„3D-Druck ist für die Gestaltungsausbildung eine Katastrophe”
Fritz Frenkler ist überzeugt, dass Designgeschichte und Handwerkskunst entscheidend für hochwertiges Design sind: Im Interview mit Gerrit Terstiege von der rams foundation spricht er über seine Vorbilder, den Fortschritt im medizinischen Design und äußert sich zum 3D-Druck in der Designausbildung.
GT: Herr Frenkler, seit Jahrzehnten schätzen Sie Dieter Rams und sein Werk. Gab es in Ihrer langen Karriere Projekte, bei denen Sie seine zehn Thesen ganz konkret zur Anwendung bringen konnten?
FF: Ich habe eigentlich immer versucht, sie anzuwenden – natürlich nicht alle zehn Thesen auf einmal. Das ganze ökologische Thema etwa, das Rams ja schon früh mitbedacht hatte, kam erst später bei uns ins Bewusstsein. Das Thema bleibt eine Herausforderung. Diesen Anspruch haben wir noch immer nicht erfüllt – oder nur in Teilen. Seine Thesen habe ich auch meinen Studenten an der Technischen Universität München nahegebracht und Dieter Rams auch zu uns in die Universität eingeladen. Seine Besuche und unsere Gespräche mit ihm waren Highlights für die Studenten, wie auch für mich selbst. Heute hängen seine Thesen in unseren Büros an den Wänden. So bleiben sie präsent und wir versuchen, die Bedeutung seiner Thesen so weit wie möglich auch unseren Kunden nahezubringen. Sie haben mit der Zeit ja sogar noch an Relevanz gewonnen.
GT: Können Sie sagen, wann Dieter Rams für Sie zu einem persönlichen Vorbild wurde? War da eine Begegnung mit ihm ausschlaggebend, eine Ausstellung oder Publikation über ihn?
FF: Ich habe 1980 die Ausstellung „Design: Dieter Rams &” gesehen, die vom Internationalen Design Zentrum in Berlin initiiert und durchgeführt wurde und ich besitze auch noch zwei Kataloge, der eine schwarz, der andere hellgrau, die damals anlässlich der Ausstellung erschienen. Dieter Rams war mir natürlich bereits im Studium bekannt – aber wie das so ist: man hatte ihn fälschlicherweise den Ulmern zugeordnet. Und Ulm war in meiner Studienzeit etwas in Verruf geraten, als gewissermaßen „verbohrte” Institution. Nick Roericht soll dort mal ein Diaprojektor-Modell in Orange präsentiert haben – und dafür fast von der HfG ausgeschlossen worden sein. Aber Dieter Rams, die Stringenz seiner Arbeit, hat mich immer beeindruckt. Wir haben uns dann später im ICSID, heute WDO, kennengelernt. Wir waren dort beide im Board und haben uns mit der Zeit schätzen gelernt, auf Reisen, auf Kongressen.
GT: Medizinisches Design ist seit langem ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit, wobei Sie und Ihre Teams oft eine sehr klare, einfache Produktsprache wählen, wie zum Beispiel bei den Dentaleinheiten von Morita oder dem Magnetrührer von Yamato. Betrachten Sie solche Geräte als universelles Design?
FF: Wir arbeiten mit Unternehmen, die ihre Produkte weltweit vertreiben. Insofern kann man durchaus von universellem Design sprechen, da wir nicht für jeden Markt etwas anderes entwickeln können. Gerade bei zahnärztlichen Einheiten geht es nicht nur darum, den Patienten unterzubringen, sondern er muss auch bequem und gut positioniert sein. Das führt aber meist dazu, dass der Zahnarzt nach zwanzig Jahren Praxis Rückenprobleme bekommt. Hier kommt das Universal Design ins Spiel. Bisher haben sich ergonomische Überlegungen oft nur auf den Patienten und nicht auf den Zahnarzt konzentriert. Dabei sollten beide berücksichtigt werden. Dies erfordert eine völlig andere Herangehensweise an die Positionierung der Patienten. Das Grundprinzip, das uns als Designer leitet, ist, dass der Arbeitsplatz an das Individuum angepasst werden sollte, nicht das Individuum an den Arbeitsplatz.
GT: In der Gesundheitstechnologie ist es auch wichtig, den Patienten die Angst vor der Technik zu nehmen. Wie kann dieses Ziel erreicht werden? Die Farbgestaltung der Geräte, um ein Beispiel zu nennen, spielt dabei eine wichtige Rolle.
FF: Ja, das ist völlig richtig. Und auch bei Braun waren Farben oft wichtig, etwa bei den Kaffeemaschinen oder Haartrocknern. Bei vielen Geräten waren aber Weiß, Grau und Schwarz die grundlegenden Gehäusefarben. Was die Gesundheitstechnik betrifft, so bin ich überzeugt, dass Patienten mehr Respekt und Vertrauen in einen Arzt haben, wenn das Design einer Praxis einen hygienischen Zustand widerspiegelt. Und Weiß ist die Farbe, die vor allem in der japanischen Kultur, aber auch darüber hinaus, Hygiene am besten symbolisiert. Weiß spielt in Japan in vielen Situationen eine besondere Rolle, etwa wenn Sumo-Ringer weißes Salz in den Ring werfen, um böse Geister abzuwehren. Salz wird auch den Trauernden nach einer Beerdigung an der Haustür über die Schultern geworfen. Vor diesem Hintergrund beschlossen wir, uns auf Weiß, Silber und Mittelgrau zu beschränken. Unsere japanischen Kunden waren zunächst besorgt, dass auf weißen Oberflächen jeglicher Schmutz sofort sichtbar sein würde. Aber wir erklärten ihnen, dass dies genau der Punkt sei. Schließlich kann man den Schmutz sofort sehen und die Oberfläche dann schnell und einfach reinigen. Und Sauberkeit ist im medizinischen Kontext die Basis für Vertrauen. Wer Angst überwinden will, muss Vertrauen schaffen.
GT: Bei einem Vortrag sprachen Sie ausführlich über die Bedeutung des Handwerks in Japan, insbesondere bei der aufwändigen Herstellung von Lackwaren. Da musste ich sofort an den Großvater von Dieter Rams denken, der für ihn prägend war mit seiner Liebe zu handwerklicher Sorgfalt, gerade auch beim Polieren von Lack. Welche handwerklichen Fähigkeiten sind heute noch für Gestalter wichtig?
FF: Also ich glaube – davon bin ich hundertprozentig überzeugt – dass handwerkliches Können und handwerkliche Erfahrung die Grundlagen guter Gestaltung sind. Das ist mir schon bei meiner Diplomarbeit aufgefallen, bei der es um Computer Aided Design ging. Damals gab es einen einzigen Großrechner für CAD in einer Designabteilung – das war bei Opel, die damals zu General Motors gehörten. Ich habe sozusagen aus nächster Nähe und schon sehr früh untersuchen und in meiner Arbeit beschreiben können, wie damit gearbeitet wurde und wie der Rechner die Entwurfsarbeit beeinflusste. Es ging um Flächenmodellierung und solche Dinge – und mir fiel auf, dass am Computer völlig der Bezug zum den späteren Maßstäben verloren ging.
GT: Und wie kann man sicherstellen, dass der Bezug zum Maßstab nicht verlorengeht?
FF: Bei frogdesign haben wir zu meiner Zeit bewusst fast immer im Maßstab 1:1 gezeichnet, auf den großen Zeichenbrettern, mit einem Bleistift, Linien wieder wegradiert, andere festgelegt, dann wurden Lichtpausen gezogen und so näherte man sich dem Entwurf an, Schritft für Schritt. Bis dahin, dass zum Beispiel eine Badewanne halb gebaut wurde, wiederum im Maßstab 1:1, und die andere Hälfte mit einem großen Spiegel simuliert wurde. Denn nur so bekommt man eine klare Vorstellung von den Proportionen und vom Linienverlauf. Ich habe den Eindruck – und das müsste man mal näher untersuchen – dass die Gestaltungsqualität gesunken ist, seit wir mit Computern entwerfen. Gerade für die jetzige Generation von Gestaltern sollte es in der Ausbildung wieder verstärkt darum gehen, die Dinge wirklich zu begreifen: die unterschiedlichen Materialien und ihre Eigenschaften kennenzulernen, die verschiedenen Hölzer, Metalle und Kunststoffe zu verstehen. Das gilt genauso für Grafikdesigner: die sollten wieder mit Papier arbeiten, Falzen, Kratzen, taktile Qualitäten erleben. Das lebt Erik Spiekermann mit seiner Druckerei in Berlin vor. Dann versteht man Drucken in seinen Prozessschritten und welche gestalterischen Möglichkeiten sich beim Machen ergeben. Natürlich ist auch im Produktdesign profundes Wissen wichtig: Wie wird was abgeformt? Wie werden Werkzeuge gebaut? Was ist ein Hinterschnitt? Das Wissen ist heute oftmals verloren gegangen. 3D-Druck ist für die Gestaltungsausbildung und -qualität eine Katastrophe.
GT: Wird denn heute an den Hochschulen überhaupt noch klassischer Modellbau jenseits von 3D-Druck gelehrt?
FF: Kaum noch. Jedenfalls immer weniger. Stattdessen holt man sich große 3D-Druckmaschinen ins Haus. Und dann wird fröhlich gedruckt und aus Zeitdruck vieles durchgewunken, was nicht wirklich bis in die Details durchdacht wurde. Und dieses Durchwinken führt dazu, dass sich gestalterische Fehler einschleichen, speziell z.B. im Fahrzeugbereich. Das liegt daran, dass die Designer auf dem Keyboard oder auf dem Screen das Gefühl für Proportionen gar nicht erst bekommen. Nur Tippen ist für die Qualität von Gestaltung nicht förderlich. Da muss man schon noch mal einen Stift in die Hand nehmen oder konkret am Modell arbeiten. Wir müssen also dahin zurückkommen, dass wir handwerkliche Fähigkeiten wieder lehren und fördern, um wieder bessere Ergebnisse in der Gestaltung zu bekommen. Ich glaube, viele junge Designer geben Entwürfe ab, denen ein Ingenieur für Kunststofftechnik sofort ansieht, dass überhaupt kein Basiswissen von Kunststoffen da ist. Das passiert sehr häufig heutzutage.
GT: Sie waren lange Zeit in der Lehre tätig und sind nach wie vor durch Ihre Büros in Europa und Japan und durch Ihre Jurytätigkeit in engem Kontakt mit jüngeren Designergenerationen. Wie unterscheidet sich der heutige Nachwuchs in Japan von dem in Deutschland?
FF: Also in Japan ist man noch, sagen wir mal, engagierter im Studium, soweit ich das beurteilen kann.
GT: Seitens der Professoren oder seitens der Studierenden? Wer ist engagierter?
FF: Das Engagement trifft auf beide Gruppen zu. In Japan kommt es vor, dass die Studenten abends in der Hochschule mal ein paar Stunden schlafen und dann dort weiterarbeiten. Manche habe sich sogar ihre eigenen Klappbetten gebaut – und sparen sich dann den oftmals weiten Weg von den Studentenwohnheimen zur Hochschule. Auch Professorinnen und Professoren sind oft „rund um die Uhr“ dort erreichbar. Ich glaube, das ist einer der großen Unterschiede. Was ich zudem feststelle, ist, dass sich die Japaner häufig Produkte wie die von Dieter Rams zum Vorbild nehmen, um sich damit auseinanderzusetzen und davon zu lernen. Diese Vorgehensweise gibt es an deutschen Hochschulen kaum noch. In dem Zusammenhang muss man leider auch sagen: Die Designgeschichte ist in Deutschland praktisch kein Thema mehr. Punkt. Das finde ich sehr bedauerlich. Wenn man da zum Beispiel sagt: Das sieht doch aus wie Entwurf X oder Y von Achille Castiglioni – dann schaut man in verdutzte Gesichter. Da ist oft kein historisches Wissen mehr vorhanden. Wir versuchen das in unseren Büros auszugleichen, in dem wir Gestalter aus der Vergangenheit wieder zum Thema machen: Es gibt bei uns donnerstags immer eine Stunde lang einen Vortrag über einen Designer oder eine Designerin oder ein designrelevantes Thema. Da geht es auch um die jeweilige Epoche, Haltung und Gestaltungsphilosophie. Das mag heute eben Castiglioni sein und nächste Woche Vico Magistretti oder Igarashi Takenobu. Das finde ich wichtig für meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen: dass sie verstehen, welche Lehren sie aus der Geschichte ziehen können, was sie ableiten oder sogar zitieren können. Natürlich nicht im Sinne eines Plagiats oder einer Kopie, sondern eben auf kluge und geschickte Weise. Designhistorisches Wissen ist ja gerade auch vonnöten, um ungewollte Imitationen zu verhindern. Also um es nochmal ganz deutlich zu sagen: Die Geschichte muss wieder ganz massiv in die Lehre einziehen. Wenn wir was Neues machen wollen, dann muss man das Alte kennen.
GT: Und eben nicht nur diese Embleme, die zu Tausenden auf Social Media kursieren: die sogenannten „ikonischen“ Entwürfe, von denen oft nur noch das Abziehbild bekannt ist, aber keinerlei Details.
FF: Da wird dann schnell geklatscht und weitergewischt. Was ich aber ganz schön finde: Hartmut Esslinger kommentiert neuerdings in den Social Media so einiges. Der ist da sehr aktiv, vielleicht hat er jetzt auch mehr Zeit, er ist ja gerade 80 geworden. Er kommentiert sehr schön das Design von heute. Und es darf auch ruhig mal kritisch sein, speziell in unserem Kreis, also im Produktdesign, in der Architektur, in der Kommunikation. Wenn immer nur geklatscht wird, findet ja kein echter Diskurs statt. Und der ist und bleibt wichtig. Genauso wie die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen. Wir benötigen wieder mehr Allgemeinbildung, die sich auf Gestaltungsprozesse und Gestaltungsergebnisse auswirken sollte und kann.
GT: Würden Sie sagen, dass Vorstellungen von national geprägten Gestaltungskulturen heute noch zutreffend und relevant sind?
FF: Natürlich wird im Zuge der Globalisierung heute vieles nivelliert. Wenn man sich zum Beispiel das Automobildesign ansieht: Da war vor zwanzig Jahren ein französisches Auto einfacher zu identifizieren als heute. Und ein italienisches war wieder deutlich anders. Da gab es aber auch Menschen wie Giorgetto Giugiaro, die auch auf das deutsche Autodesign großen Einfluss hatten. Die japanische Autoindustrie habe ich übrigens nie verstanden. Woher die ihre Einflüsse haben, weiß ich nicht. Toyota mit seiner doch sehr schwierig zu verstehenden Gestaltung und seinen Details, hat mit Japan in meinen Augen, überhaupt nichts zu tun. Ich glaube, da ist irgendwie was schiefgegangen. Das Marketing hat in Japan einen sehr starken Einfluss auf die Gestaltung. Viele Jahre wurde dort nicht Markendesign betrieben, sondern Marketingdesign – und dann eben für verschiedene Märkte, verschiedenes Design. Da ist heute vieles formal-ästhetisch nicht mehr greifbar. Bei Honda dagegen sehe ich eine positive Entwicklung. Da gibt es Hoffnung, wenn man sich den kleinen Elektrowagen „Honda e“ ansieht, mit seinen runden Scheinwerfern und Kameras: Da erkennt man schon so etwas wie eine Besinnung auf japanische Gestaltungs-Traditionen, auf ihre ganz eigene Kultur.
GT: Oft wird ja gerade bei Kleinwagen dem Gesamtkorpus zu viel zugemutet: zu viele Ideen liegen dann formal auf kleinem Raum im Wettstreit miteinander, Blinker und ganze Scheinwerfer-Einheiten werden übertrieben groß aufgeblasen, manche verjüngen sich dynamisch, um dem Entwurf etwas Besonderes oder Spektakuläres zu geben. Das Ergebnis ist dann eine wilde, exaltierte Collage.
FF: Das ist genau der Punkt. Da ist irgendwas schief gegangen. Und man sieht es auch jetzt bei BMW, was da mit der Doppelniere angestellt wird, wie man sie ins Absurde vergrößert hat und noch einen Lichtkranz darum macht … Man muss vielleicht dort mal die ganze Designsprache in Frage stellen und noch mal ganz neu ansetzen, statt sich selbst zu persiflieren.
GT: Wie sehen Sie denn die Zukunft des Industriedesigns? Welche Rahmenbedingungen für die Profession werden sich ändern, wie stark gefährdet oder befruchtet etwa KI das Berufsfeld in den nächsten Jahren?
FF: KI gefährdet nicht nur das Berufsfeld Design. Wenn wir das nicht kontrollieren, wird KI das ganze kreative Leben gefährden. Es wird Bücher geben von Schriftstellern, die wir wahrscheinlich nie treffen werden, weil sie gar nicht existieren. Wir werden Entwürfe haben, die keiner richtig entworfen oder gedanklich durchdrungen hat. In manchen Bereichen ist KI wiederum absolut zu fördern, etwa in der medizinischen Diagnose. Ich gehe sogar so weit, dafür zu plädieren, dass man sich recht früh einschaltet und sagt: Das lassen wir nicht zu. Vieles ist natürlich schwierig zu kontrollieren in der freien Welt, das wissen wir. Aber ich glaube, um seriöse Produkte zu entwickeln, sollten wir die menschlichen Sinne – und die menschlichen Möglichkeiten, Dinge wahrzunehmen, zu spüren – wieder stärker in den Entwicklungsprozess integrieren. Darüber hinaus wird es, was Produkte angeht, künftig viel mehr darum gehen, diese zu pflegen und instand zu halten. Und das macht Ihnen die KI nicht. Da braucht man auch wieder handwerkliches Geschick und technisches Wissen – übrigens auch als Gestalter, um antizipieren zu können, wie man Reparaturen an Geräten und Maschinen erleichtern kann, um Dinge lange zu erhalten – gerade in Zeiten steigender Energie- und Materialkosten. Also gilt hier einmal mehr, was Dieter Rams mit auf den Weg gegeben hat: „Less, but better“.